Phantom-Schallquellen der Oper

Peter Hecker über die Arbeit mit Sequoia und seine größten Herausforderungen beim Live-Mix für die Bayreuther Festspiele.

Auf dem grünen Hügel in Bayreuth finden seit 1876 in regelmäßigen Abständen die Bayreuther Festspiele statt. Diese Institution der Musikgeschichte widmet sich ausschließlich den Opern von Richard Wagner, der bereits 1872 das Festspielhaus bauen ließ. Die Live-Übertragung des Musikfestivals setzte mit der ersten Weltsendung 1931 und damals über 200 angeschlossenen europäischen, afrikanischen und amerikanischen Sendern einen echten Meilenstein in der Geschichte des Rundfunks.

Bei der diesjährigen Aufführung von „Tristan und Isolde“ ist der etablierte Tonmeister Peter Hecker in puncto Übertragung und Produktion federführend. Seitdem Katharina Wagner die Leitung der Festspiele inne hat, werden die Aufführungen nicht nur live in Kinos und ins TV übertragen, sondern zusätzlich noch auf DVD veröffentlicht. Peter Hecker arbeitet regelmäßig an den Festspielen und betreute seit 2011 bereits die Produktionen Der fliegende Holländer, Parsifal und Lohengrin. Um den hohen Ansprüchen dieses renommierten Ereignisses gerecht zu werden, benutzt Peter Hecker zur Live-Mischung ein Sequoia-System, das über MADI an RME-Hardware angebunden ist. Bei den Festspielen kommen so bis zu 64 Spuren zusammen, die direkt in Sequoia aufgenommen werden. Bei der Live-Mischung steht er vor allem vor der Herausforderung, dass kein diskretes Stereosignal an die Sendeanstalten weitergegeben wird. Das heißt, dass das Stereosignal, was später auf dem heimischen Fernseher zu hören ist, erst aus der Surround-Mischung gewonnen werden muss. Änderungen in der Surround-Mischung beeinflussen also immer auch gleichzeitig die Stereo-Mischung – ohne, dass diese direkt abhörbar ist. Neben den Laufzeit- und Pegelunterschieden zwischen den Kanälen und einer Verschiebung der Phantomschallquellen muss er häufig auch Kammfiltereffekte meistern. Das fehlende Stererosignal wird damit begründet, dass die Endgeräte, in der Regel Fernseher, nicht genormt sind und jeweils anders mit einem Stereosignal umgehen würden. Durch das Fehlen der Mischung wird gewährleistet, dass alle Geräte ihr Signal von der selben Quelle beziehen und gleich verarbeiten – auch wenn die Live-Mischung dadurch schwieriger wird.

Für den anschließenden Tonschnitt der DVD-Produktion liegen Peter Hecker in der Regel zwei Aufnahmen vor – eine von der Generalprobe und eine von der Live-Übertragung. Da es sich um zwei komplette Takes der gesamten Inszenierung handelt, arbeitet er vorwiegend mit den Sequoia-exklusiven Funktionen Source-Destination-Schnitt und Multisynchronschnitt. Dadurch ist es ihm möglich, fehlerhafte Teile der Aufnahme relativ schnell durch den musikalisch identischen Teil des zweiten Takes auszutauschen.

„MuSyc und SD-Schnitt sind echte Zeitsparer. Die Schnitte werden so genau gesetzt, dass ich sie nicht einmal zur Kontrolle gegenhören muss. Das funktioniert einfach wunderbar.“

Die Videodateien erhält er im Ü-Wagen gleich nach der Übertragung. Mit dem SD-Schnitt lassen sich auch die Videoaufnahmen synchron zur Musik mitschneiden. Dadurch stellt er sicher, dass seine Mischung zu dem vorhandenen Bildmaterial kompatibel ist und keine nachträglichen Änderungen vorgenommen werden müssen. Ohne SD-Schnitt müsste das Projekt mehrfach zwischen ihm und der Videoabteilung ausgetauscht werden, um das gleiche Ergebnis zu erhalten.

Nachdem der Bildschnitt durch die Videoabteilung finalisiert wurde, erhält er die Aufnahme zur Mischung der DVD-Fassung. In seinem Studio kommt für die Mischung dann als Zuspieler wieder ein Sequoia-System zum Einsatz. Die Mischung selbst wird auf einem alten Studer-Pult produziert. Nach der Mischung werden anschließend im Mastering alle benötigten Formate erzeugt. Im Gegensatz zur Live-Mischung wird hier neben 5.1 Surround auch eine diskrete Stereo-Mischung erzeugt und auf DVD gebrannt. Das daraus entstandene Master wird im Presswerk vervielfältigt und als DVD im Handel verkauft.